Jan Gembal

 

STUMME ANTHROPOLOGIE

Philosophish-pantomimische Vorführung

Aus dem Szenario der "Stummen Anthropologie"

für Theater am Kirchplatz in Liechtenstein, Schaan 1994

 

EINFÜHRUNG:

  • [Der Akteur sitzt im Zuschauerraum und liest laut aus den ersten Seiten eines dicken Buches vor, das die Akademie Raffaels auf dem Buchdeckel als Abbild hat.]
  • Ein Mensch, der Mensch... Wer ist der Mensch? Wer bin ich?... Wer bist du, mein lieber Zuschauer?

    Ein Lehrer? Ein Künstler? Ein Beamter? Ein Wissenschaftler? Ein Handwerker? Nein. Ich frage nicht nach dem, WAS du bist, sondern vielmehr nach demjenigen DER du bist. Du bist zuerst ein MENSCH.

    Ein Mensch, der Mensch...

    Wenn Sie gebeten werden, in drei Sätzen einen unbekannten Passanten zu beschreiben, hätten Sie damit keine Schwierigkeiten. Aber wenn Sie gebeten werden, eine geliebte Person in drei Sätzen zu charakterisieren, geraten Sie in Verlegenheit. Sie kennen die Person zu gut, um sie mit drei Sätzen wirklich zu definieren. Sie würden immer das Gefühl haben, nicht genau das auszudrücken, WER diese Person wirklich ist. Und wenn sie sich selbst beschreiben müssten, hätten Sie noch größere Schwierigkeiten, die richtigen Worte zu finden. Wer bin ich? Wie kann jemand die ganze Erfahrung über das "Sich-Selbstsein" in Worten ausdrücken, dieser einzigartigen Person unter so vielen anderen? Welche Sätze können die innere Welt von Gedanken, Gefühlen und Entscheidungen erfassen? Es gibt Realitäten, die nie das geeignete Wort finden können.

    Die Anthropologie ist ein Wissen über das menschliche Wesen. Es kann in Worten seine Audrucksform finden, wie in der Philosophie, der Psychologie, der Soziologie und der theoretischen Medizin. Die "Stumme Anthropologie" ist jedoch ein Wissen über den Menschen, das sich nie gänzlich in Worten ausdrücken lässt. In den Audrucksformen der Pantomime wird eine spezifisch anthropologische Erfahrung vermittelt. Diese Erfahrung kann jedoch nur persönlich entdeckt werden. Die Pantomime ist ein Fenster zur menschlichen Realität: hindurchblicken muss jeder selbst. Wer ist der Mensch? Wer bin ich?

    Die Pantomime inspiriert uns nach der Antwort auf die Frage "Wer bin ich?" zu suchen. Sie gibt jedoch keine vorgefertigte Antwort. Es bleibt dem Zuschauer selbst überlassen sie zu finden.

    Sie werden die Antwort finden, wenn Sie sich selbst entdecken. Sie tragen die Antwort bereits in sich, weil Sie ein Mensch sind.

    Der Mensch offenbart sich durch seine Aktivität. Pantomime ist die Kunst der reinen Aktivität. Wenn wir die menschlichen Handlungen des Schauspielers beobachten, dann entdecken wir das Menschsein im Darsteller und... in uns selbst.

    Der Spieler auf der Bühne ist dort keine private Person. Sein Menschsein geht in der Rolle auf, sich selbst als Privatperson lässt er hinter der Kulisse zurück. Der Darsteller ist so jeder von uns und zugleich niemand; er ist zugleich Niemand und Jedermann. Der Schauspieler gibt der Rolle sein menschliches Sein und stellt dieses Menschsein auf der Bühne dar. An dem Menschsein des Schauspielers haben wir so alle teil. Daher wird heute jeder von uns in diesem Sinne auf der Bühne spielen.

    Sehr geehrte Damen und Herren, Niemand, Jemand und Jedermann! Unser Spieler!

  • [Der Akteur zeigt auf die Bühne. Aber niemand kommt. Eine kleine Pause. Der Akteur geht zu den hinteren Vorhängen der Bühne und versucht jemanden aus den Vorhängen auf die Bühne mit verschiedenen Gebärden einzuladen. Da sein Verhalten ohne sichtbaren Erfolg bleibt, wendet der Akteur Gewalt an, schlussendlich kommt er auf die Bühne mit einer "unsichtbaren Person". Diese Person wird pantomimisch dargestellt (der Akteur zieht und stösst eine unsichtbare Person in Richtung Bühne.]
  • Unser Darsteller ist noch nicht ganz sichbar. Jemand muss ihm seinen Körper geben, damit er erscheinen kann.

  • [Der Akteur fragt jemanden aus dem Publikum:]
  • Würden Sie ihm einen Leib geben, ihn verkörpern? Und Sie?

  • [Wenn niemand das tun will, zeigt der Akteur auf sich selbst. Und... "verkörpert" die Rolle: Er spielt pantomimisch das Ringen der Verkörperung des unsichbaren Spielers (als ob er sich die Rolle überstreifen würde, sie wie ein Gewand anlegte) und nimmt dann den Platz ein, wo der unsichbare Spieler stehen sollte. Dann bleibt er ohne Ausdruck, wie eine Puppe, stehen. Nach einer kurzen Pause spielt er pantomimisch das Ringen um die Trennung von der Rolle und spricht weiter.]
  • Er hat noch keine Persönlichkeit, keine Rolle. Jemand muß ihm seinen Geist geben.

    Er kann eine glückliche Rolle haben ...

  • [Der Akteur spielt die Verkörperung und einige Ausdrücke des Glückes. Dann geht er schnell wieder aus der Rolle.]
  • ... er kann sich ärgern ...

  • [Der Akteur spielt die Verkörperung und einige Ausdrücke des Ärgers. Dann geht er wieder aus der Rolle.]
  • ...er kann zu Tränen gerührt sein...

  • [Der Akteur spielt die Verkörperung und einige Ausdrücke der Weinens. Dann geht er wieder aus der Rolle.]
  • ...und...

  • [Der Akteur spielt die Verkörperung und einige Ausdrücke, die keine Bedeutung haben, aber sehr komisch sind. Dann geht er wieder aus der Rolle.]
  • Der Schauspieler bleibt alleine auf der Bühne zurück. Ihre Vorstellungskraft muss nun alle Objekte gleichsam "erschaffen". Sie müssen mit dem Spieler spielen, um die Wirklichkeit zu sehen. Wenn er einen Apfel in der Hand hält...

  • [Der Akteur spielt die Verkörperung und "ißt" pantomimisch einen Apfel. Dann geht er wieder aus der Rolle.]
  • ...wo ist der Apfel? Wenn ihm eine Katze über den Weg läuft...

  • [Der Akteur spielt die Verkörperung und trifft pantomimisch eine Katze. Dann geht er wieder aus der Rolle.]
  • ...wo ist die Katze? Wenn er seinen Chef trifft...

  • [Der Akteur spielt die Verkörperung und trifft pantomimisch seinen Chef. Dann geht er wieder aus der Rolle.]
  • ...wo ist der Chef?

    Diese ganze Wirklichkeit existiert in und durch ihre Phantasie. Sie müssen sich Ihrer Vorstellungkraft bedienen, um die Wirklichkeit und Wahrheit zu entdecken.

    Daher lassen Sie sich bitte nicht von der Einfachheit der Geschichten, die Ihnen heute Abend erzählt werden, in die Irre führen. Die Pantomime ist nur ein Fenster zur menschlichen Realität: durchsehen muss jeder selbst. Sie müssen die Wahrheit des Menschseins in sich selber entdecken... sie sich erneut vergegenwärtigen...

  • [Die Vorführung fängt an und dauert ca. eine Stunde. Alles wird pantomimisch dargestellt, ohne Worte.]
  • * * *

     

    NACHWORT [nach der Vorführung]:

  • [Der Akteur liest aus den letzten Seiten des Buches vor.]
  • Nun ist unsere "Stumme Anthropologie" zu einem Ende gekommen. Wir haben vom Menschen gesprochen, jedoch anders, als dies Bücher tun. Wir haben vom Menschen gesprochen - jedoch ohne Worte. Diese Vorstellung war nur ein Mittel, um über das Menschsein bedeutungsvoll zu schweigen. Uns bleibt die Frage: wer ist der Mensch? Wer bin ich? Sie werden die Antwort finden, wenn Sie nach Hause kommen und in der Stille sich besinnen. Die Stille kann stärker und bedeutungsvoller als Worte sein. Lassen wir sie sprechen...

     

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